Typografie und Ernas Wurst.

Aus aktuellem Anlass:

Wenn sich typophile Gestaltungsprofis über den Einsatz der Comic Sans oder über Word-Art-Headlines auf Fresszetteln der Bäckerei am Eck auslassen, lächle ich nur müde.

Denn sie vergessen, dass Typografie nur Überträger einer Botschaft ist. Und somit mit Sender und Empfänger in Relation stehen muss. Und, das müssen wir uns eingestehen: Otto Normal steht einfach auf Word-Art. Diese bunten Farbverläufe, diese hübschen Schatten! Und, huch, da kann man auch noch einen 3D-Effekt drüberhauen! Das ist toll, das gefällt. (So übrigens prima selbstgemacht!)

Malermeister Müller braucht keine Visitenkarten mit Prägung, keinen ligaturenbestückten Hochleistungsfont und teure Sonderfarben. Mir ist es doch völlig egal, ob er nichts von Drucksachen-Gestaltung versteht und einen schrecklich überladenen Webauftritt hat. Von mir aus kann dieser sogar von seinem Großneffen zusammengeklickt sein. Ich finde solch eine Unbedarftheit sogar sympathisch.

Solange er eine Tapete blasenfrei an die Wand kleben kann und mein Treppengeländer ohne zu kleckern frisch lackiert, darf er sich solche Fehlgriffe gerne erlauben. Er würde sich sicher auch an den Kopf langen, wenn er mich erwischen würde, wie ich versuche, mein Zimmer zu streichen ohne die neue Tapete gleich wieder von der Wand zu reißen.

Ein anderes Thema sind die Gestaltungsprofis selbst. Wenn sie große Stücke auf sich halten, gucke ich gerne ganz genau hin. Dann stößt mir jeder falsche Gedankenstrich, jedes falsche Kapitälchen übler auf als das tausendste Deppenapostroph in Justine’s Nagelstudio. Auch wenn ich mich doch jedes Mal aufs Neue darüber amüsiere.
Ich bezweifle, dass es eine zweite Branche gibt, die sich nach außen hin so hip und offen gibt, im Inneren aber einen so gewaltigen Baumstamm im Arsch hat.

Sequoia?

Typografie muss immer im Verhältnis zu ihrem Einsatzgebiet stehen. Werbliches Gestalten und das Übermitteln von Informationen können so unterschiedlich ausgeprägt sein, dass »gute« Typografie nicht an ein paar Satzregeln festgemacht werden kann.

Tante Erna guckt sicher kritisch, wenn ihr Metzger des Vertrauens plözlich Sonderangebotszettel im Schweizer Stil verteilt.

Sie will nur lecker Wurst.

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4 Gedanken zu „Typografie und Ernas Wurst.

  1. Julia sagt:

    Wie wahr, wie wahr ^_^ Beim Webseiten basteln muss ich mir auch immer wieder an den Kopf langen, was manche Kunden für einen Müll wollen, aber wenn das gut ankommt, warum nicht. ^^

    Oh, ich bin übrigens das erste Mal auf deiner Seite, habe deine „Mappe“ bei precore gefunden, und finde sie ziemlich cool ^.^ Habe mich im November leider erfolglos in Mannheim beworben, und muss mir jetzt für die nächste Mappe wohl auch was spannenderes ausdenken° ;-)

  2. Dominik sagt:

    Da hast du eigentlich sehr Recht!

  3. Annika sagt:

    Hahaha, was für ein erfrischender Eintrag… sehr sympathisch!

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